Kommunikation, Kooperation: Konflikte zwischen Schichtgruppen

Praxisbeispiel

In einem Produktionsbetrieb kommt es regelmäßig zu massiven Spannungen und Konflikten zwischen den Beschäftigten der verschiedenen Schichtgruppen. Mehrere Beschäftigte beschreiben, dass sie diese Streitigkeiten sehr aufregen. Jede Schicht hat eine eigene Schichtmeisterin bzw. einen eigenen Schichtmeister und arbeitet unabhängig für sich nach eigenen Regeln. Beispielsweise hat jede Schicht einen anderen Ort, an dem die Werkzeuge abgelegt werden. Jede Schichtleitung hat andere Prioritäten, welche Arbeitsschritte besonders wichtig sind. Der einen Schichtleitung ist es besonders wichtig, dass die Reinigung der Behälter sauber durchgeführt wird. Bei einer anderen Schichtleitung ist die korrekte Befüllung der Behälter von besonderer Bedeutung. In der Belegschaft heißt es: „Wir sind die Putzschicht und müssen immer alles reinigen, was die anderen liegen lassen.“ Außerdem hat jede Schicht unterschiedliche Standards, z. B. heißt es bei der einen Schicht, die Abwaage ist fertig, wenn die Container unten abgewogen stehen; bei der anderen Schicht ist die Abwaage fertig, wenn die Container zurück im Lager sind. Zudem gehen die Schichtleiterinnen und Schichtleiter unterschiedlich mit Fehlern um. Beschäftigte berichten: „Wir bekommen eine Abmahnung, wenn wir einen Fehler machen. Bei der anderen Schicht sind Fehler lange nicht so schlimm, da heißt es nur: Fehler passieren halt mal.“


Mögliche Gefährdungen

  • Eine ungenügende Arbeitsorganisation und das Fehlen einheitlicher Standards fördert ein starkes „Wir-gegen-die“-Denken. Die ständigen Streitigkeiten belasten das Betriebsklima nachhaltig.
  • Häufige Konflikte und Streitigkeiten am Arbeitsplatz können die mentale Gesundheit, die Motivation und die Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten negativ beeinträchtigen. Es können Stress, Ärger und Ängste entstehen, die langfristig psychische und auch physische Erkrankungen fördern.
  • Zudem können Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme entstehen, welche die Fehler- und damit auch die Unfallwahrscheinlichkeit erhöhen.
  • Unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe und Sanktionen bei Fehlern erzeugen beim Bedienpersonal Unsicherheit, Frustration und das Gefühl von Hilflosigkeit.

Schutzziele

Eine gute Kommunikation und Kooperation über Schichtgrenzen hinweg ist gegeben, wenn:

  • betriebsweit einheitliche, verbindliche Standards für Arbeitsabläufe, Ordnung und Sauberkeit gelten und eingehalten werden,
  • eine geregelte, ungestörte Schnittstellenkommunikation (Schichtübergabe) stattfindet, die Raum für sachlichen Informationsaustausch bietet,
  • ein einheitlicher, transparent geschulter Führungsstil und eine konstruktive, faire Fehlerkultur über alle Schichten hinweg gelebt werden.

Beispielhafte Maßnahmen

In der Reihenfolge S-T-O-P soll geprüft werden, ob es passende Maßnahmen zum Schutz vor einer Gefährdung gibt.

Substitution

  • In diesem Beispiel wurden keine substituierenden Maßnahmen getroffen.

Technische Maßnahmen

  • Installation von Werkzeugwänden mit visuellen Umrissen (Shadowboards) an den Arbeitsplätzen, um Fehlbestände oder falsch abgelegtes Werkzeug auf einen Blick erkennbar zu machen.
  • Einführung eines digitalen Schichtbuchs zur lückenlosen Dokumentation von Störungen, Reparaturständen und Besonderheiten, auf das alle Schichten in Echtzeit Zugriff haben.
  • Eindeutige Bodenmarkierungen (z. B. Farbzonen) für definierte Zwischenlager- und Abstellbereiche (z. B. klare Trennung zwischen „in Bearbeitung“ und „Abwaage abgeschlossen“).

Organisatorische Maßnahmen

  • Erarbeitung und Durchsetzung verbindlicher, schichtübergreifender Standards (SOPs) für wiederkehrende Tätigkeiten (z. B. Reinigung, Befüllung, Qualitätskontrolle) sowie klare schriftliche Definitionen, wann eine Aufgabe als vollständig abgeschlossen gilt.
  • Verbindliche Festlegung strukturierter Schichtübergaben unter Nutzung von Standard-Checklisten an einem ruhigen Ort in der Produktion inklusive zeitlicher Anrechnung als Arbeitszeit. Dabei werden alle Neuerungen und Störungen besprochen.
  • Einführung regelmäßiger Abstimmungsrunden zwischen den Schichtleiterinnen und Schichtleitern zur Angleichung von Prioritäten und zur Vermeidung schichtspezifischer Alleingänge.
  • Etablierung übergreifender Tages- oder Wochenziele für die gesamte Produktionslinie, um das "Wir-gegen-Die"-Gefühl zu minimieren.
  • Regelmäßiger Austausch mit den Beschäftigten über schwierige Situationen sowie aktive Einbindung bei der Lösungsfindung. Die Meldung von Fehlern wird positiv als Möglichkeit der Weiterentwicklung bewertet.
  • Ersetzung schichtspezifischer Isolation durch gelegentliche Schichtrotations- oder Mischerfahrungen sowie Ausrichtung schichtübergreifender Teamevents zur Förderung des Zusammenhalts unter den Kolleginnen und Kollegen.

Personenbezogene Maßnahmen

  • Schulung aller Führungskräfte (Schichtmeisterinnen und Schichtmeister) zu den Themen „Konstruktiver Umgang mit Fehlern“, „Einheitliches Führungsverhalten“ und „Konfliktmanagement“.
  • Unterweisung der Beschäftigten zur sachlichen und wertschätzenden Gestaltung von Schichtübergaben sowie zur Nutzung der neuen Standards.